|
Der Unsinn der Schlankheitsdiäten
There was an old man of Tobago,
Who lived on rice, gruel and sago;
'Til much to his bliss,
His physician said this -
To a leg, sir, of mutton you may go.
R S Sharpe
Teil 1: Einleitung
Im zwanzigsten Jahrhundert gab es eine nie zuvor gekannte Schwemme
an Ideen und Konzepten zum Abnehmen. Bei den meisten Diäten wurde die
Energiezufuhr reduziert, andere kaprizierten sich auf dieses oder jenes
Nahrungsmittel, das besonders gut zum Abnehmen taugen sollte. Klassiker
letzterer Schule sind Grapefruit, Ananas oder Ballaststoffe. Es gab
unverdauliche Füllstoffe, kalorienarmes Dies und fettarmes Das,
Diätpillen, Saunakleidung, kalorienarme Diäten, extrem
kalorienbeschränkte Diäten – es gab sogar die Diät für
Diäthasser. Die Leute verloren Pfunde und setzten sie erneut an. Viele
trugen Schaden davon, manche starben.
Manche Frauen merkten allerdings, das kalorienarme Diäten nicht
funktionierten und ergriffen drastischere Maßnahmen. Da wurden
Magenbänder gelegt, um nur wenig essen zu können; es wurden Kiefer
verdrahtet, so dass nur noch Flüssignahrung verzehrt werden konnte; es
wurden Dünndärme verkürzt, um die Energieaufnahme zu begrenzen oder
Fettzellen abgesaugt bzw. chirurgisch entfernt. Das sind drastische und
gefährliche Vorgehensweisen, doch nicht einmal solche Strategien sind
immer erfolgreich. Eine Frau, die sich den Kiefer hatte verdrahten
lassen, berichtete in einem Fernsehinterview, dass sie in ihrer Gier
nach Schokolade die Tafeln püriert und gegessen hatte. Langfristig
scheinen all diese Dinge nur Schmerz und Leid hervorzurufen – und
wenn sie nicht funktionieren endet es mit Demoralisierung und Verlust
des Selbstwertgefühls.
Bevor zu dem Unsinn komme, den die meisten modernen
Schlankheitsdiäten darstellen möchte ich Ihnen die wichtigsten
energieliefernden Makronährstoffe erläutern. Mit diesem Verständnis
werden Sie besser begreifen, wie unsinnig die modernen Diäten
tatsächlich sind.
Nahrungsmittel lassen sich in drei Hauptgruppen einteilen:
Kohlenhydrate, Proteine und Fette. Alle drei liefern Energie und jede
Gruppe kann dem Körper die benötigte Energie zuführen. Der Körper
braucht jedoch ausser Energie noch weitere Nährstoffe und an diesem
Punkt unterscheiden sich die drei Nahrungsmittelgruppen.
Proteine
Proteine sind ein essentieller Nährstoff, denn sie sind Baustein
und Reparaturmaterial für die Körperzellen. Proteine bestehen aus
Aminosäureketten, die zu Hunderten in der Natur vorkommen. Der Körper
nutzt davon etwa zwanzig, jedoch gibt es fast unendlich viele
Möglichkeiten diese Aminosäuren anzuordnen. Sie werden normalerweise
in die zwei Hauptgruppen der essentiellen und
nicht-essentiellen Aminosäuren eingeteilt. Die essentiellen
Aminosäure kann der Körper nicht selbst herstellen, sie müssen
deshalb in der Nahrung vorhanden sein. Insgesamt gibt es acht solche
essentiellen Aminosäuren. Enthält ein Protein die volle Zahl von acht
im richtigen Verhältnis (siehe unten) spricht man von einem
vollständigen Protein, andernfalls von einem
unvollständigen Protein.
Das Verhältnis der acht essentiellen Aminosäure ist ebenfalls
wichtig. Das richtige Verhältnis lautet:
- ein Teil Tryptophan
- zu zwei Teilen Threonin und
Phenylalanin
- zu drei Teilen Methionin,
Lysin,Vvaline
und Isoleuzin
- zu dreieinhalb Teilen Leuzin
- Kinder brauchen zusätzlich
Histidin
Vollständige Proteine sind enthalten in Fleisch,
Fisch, Eiern, Milchprodukten und Sojabohnen. Tierisches vollständiges
Eiweiß hat einen höheren biologischen Wert für uns. Da wir zum
Tierreich gehören und aus ähnlichem Bausteinen bestehen wie andere
Tiere können wir tierisches Eiweiß am effenzientesten verwerten.
Quellen für unvollständige Proteine sind Getreide,
Nüsse, Samen und Hülsenfrüchte. Das Verhältnis der in diesen
pflanzlichen Nahrungsmitteln enthaltenen Aminosäuren unterscheidet
sich mit Ausnahme der Sojabohne deutlich von dem, was der menschliche
Körper benötigt. Mais enthält kein Tryptophan, Weizen enthält nur
wenig Lysin und Hülsenfrüchte enthalten wenig Methionin. Proteine aus
diesen Quellen haben einen geringen biologischen Wert. Um dem
Körper die richtige Mischung an Aminosäuren liefern zu können,
müssen verschiedene pflanzliche Eiweißträger relativ präzise
zusammengestellt werden.
In der Realität ist es nicht allzu schwierig, pflanzliche
Nahrungsmittel so zu kombinieren, dass die Eiweißbedürfnisse des
Körpers erfüllt werden. Angesichts dieser Tatsache liegt der
tatsächliche Vorteil von Fleisch im Vergleich zu Pflanzen in den
zusätzlich enthaltenen Nährstoffen: Vitamin B 12, Vitamin D, Eisen,
Kalzium und die komplexeren Fettsäuren.
Auch für das Abnehmen hat tierisches Eiweiß einige Vorteile zu
bieten: bei Kombination verschiedener nicht-vollständiger
Eiweißquellen in der vegetarischen Ernährung werden häufig viele
Kohlenhydrate verzehrt.
Der Körper muß ständig mit Eiweiß versorgt werden, kann jedoch
keine nennenswerten Mengen davon speichern. Man muss deshalb
regelmäßig und täglich Eiweiß mit der Nahrung zuführen und zwar in
dem Körpergewicht und der Körpergröße angemessenen Menge. Es muss
jedoch vollständiges Protein sein: fehlt eine der essentiellen
Aminosäure, kommt der Zellaufbau zum Stillstand.
Obwohl die Kaloriendichte von Eiweiß etwas höher ist als die von
Kohlenhydraten wird bei Schlankheitsdiäten der Verzehr von Eiweiß
normalerweise nicht eingeschränkt, weil man seit den dreißiger Jahren
des vergangenen Jahrhunderts weiss, dass Eiweiß schlankmachende
Wirkung hat. Auch benötigt der Körper Eiweiß nicht nur als
Energiequelle sondern als Reparaturmaterial.
Fett
Fett enthält doppelt soviel Energie wie Kohlenhydrate. Dennoch
sollen wir nach gängiger Lehrmeinung Kohlenhydrate als
Hauptenergiequelle ansehen. Fett hat jedoch weit mehr zu bieten als
dichte Energie, denn es enthält ausserdem Lipide, die vom Gehirn und
vom Nervensystem genutzt werden und ohne die wir gereizt und aggresiv
werden, weiterhin Sterole, das sind Vorläufer einer ganze Reihe von
Hormonen (zu denen auch die Geschlechtshormone gehören) sowie die
fettlöslichen Vitamine A, D, E und K. Diese Vitamine sind auch in
anderen Nahrungsmittel enthalten können aber ohne gleichzeitige
Aufnahme von Fett vom Körper nicht verstoffwechselt werden. Zwingt man
Menschen zum alleinigen Verzehr von magerem Fleisch, wie z.B.
Kaninchenfleisch und steht keine andere Fettquelle zur Verfügung so
treten innerhalb weniger Tage Durchfälle und Kopfschmerzen auf.
Längere Ernährung dieser Art führt zur Arbeitsunfähigkeit.
Kohlenhydrate
Kohlenhydrate liefern Energie – sonst nichts. Sie enthalten keine
essentiellen Bestandteile für den Aufbau oder die Reparatur von
Körpergewebe. Ein Mensch, der sich nur von Kohlenhydraten ernährte,
würde unabhängig von der verzehrten Menge an Kohlenhydraten,
verhungern. Der Körper würde zur Aufrechterhaltung der wichtigsten
Organfunktionen Muskeln und anderes Körpereiweiß abbauen.
Gleichzeitig würde ein auf diese Weise ernährter Mensch bevor er
stirbt, an Gewicht zunehmen, da der Kohlenhydratüberschuss als
Körperfett gespeichert wird. Genau wie der Mensch Energie als Fett
speichert speichern Pflanzen Energie als Zucker und Stärke.
Pflanzliche Nahrungsmittel sind als reich an Kohlenhydraten.
Der Körper braucht ausserdem Vitamine, Mineralstoffe und
Spurenelemente. Die sogenannte „westliche“ Ernährung bietet all
die Stoffe im Überfluss, solange die Nährstoffe ausgewogen sind.
Damit brauchen wir uns hier nicht zu befassen, denn es besteht –
ausser bei vegetarischer Ernährung oder bei Diäten mit hohem
Ballaststoffanteil, die beide hier nicht empfohlen werden.
Die meisten Nahrungsmittel bestehen aus den drei Hauptgruppen. Eine
wichtige Ausnahme stellte der normale weisse Kristallzucker dar. Er
besteht nur aus Kohlenhydraten und wird mit chemisch als Sucrose
bezeichnet. Sucrose hat keinerlei Nährwert und bietet als
Energielieferant nur 4 Kcal pro Gramm.
Teil 1:
Einleitung | Teil 2: Moderne
Schlankheitsdiäten | Teil 3: Tatsachen &
Irrtümer über Fett | Teil 4: Diäten im 20.
Jahrhundert | Teil 5: Das Muster
wiederholt sich | Teil 6: Das Ende aller
Diäten? | Teil
7: Schlussfolgerung?
Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Kritzer, Germersheim
|