Mythos Cholesterin
Teil 1: Einleitung
Die Tragödie der Wissenschaft ist, dass schöne
Hypothesen von hässlichen Tatsachen gefressen
werden. T. H. Huxley
In den letzten Jahrzehnten wurden immer mehr
Bedenken zum Thema Fett und Cholesterin laut.
Ernährungsberater, Ernährungswissenschaftler und Ärzte
sagen uns ständig, dass der Verzehr von zu viel Fett
tödliche Folgen habe. Regierungen entwerfen Strategien
zur Reduzierung des Fettkonsums. Die Botschaft lautet:
Weniger Cholesterin, weniger gesättigte Fette, weniger
Salz, mehr ballaststoffreiches Essen. Man legt uns
unumstößliche Beweise vor, dass wir bei Nichtbefolgen
dieser Anweisungen Opfer der häufigsten Todesursache
der westlichen Welt - der Herzkrankheit - werden.
Sind die Beweise aber wirklich so eindeutig? Trotz
der durch die Propaganda vermittelten Sicherheit geht
die Debatte in den medizinischen Fachzeitschriften
hinter den Kulissen weiter. Kann falsche Ernährung
wirklich töten? Und hat Cholesterin außer bei Menschen
mit einer sehr seltenen Krankheit wirklich etwas mit
Herzkrankheit, oder anderen Krankheiten zu tun? Und
selbst wenn ja, ist eine Ernährungsumstellung
sinnvoll?
Wie alle Diskussionen hat auch die Debatte um
Cholesterin zwei Seiten. Mythos Cholesterin sichtet die
Beweise, auf die sich die derzeitigen
Ernährungsempfehlungen gründen.
Die in der Cholesterindebatte auftauchenden
Informationen sind vielschichtig. Dennoch ist in der
Diskussion bisher hauptsächlich eine Seite der Dinge
zur Sprache gekommen. So kann leicht ein falscher
Eindruck entstehen. Deshalb will ich in diesem Artikel
die andere Seite so weit wie möglich und so genau wie
möglich erläutern.
* * * * * *
DAS BRITISCHE LANDWIRTSCHAFTSMINISTERIUM UND DIE
BRITISCHE REGIERUNG EMPFEHLEN DER BRITISCHEN
BEVÖLKERUNG, DEN VERZEHR VON MILCH UM 80%, VON EIERN UM
55% UND VON BUTTER UM 40% UND VON FLEISCH UM 30% ZU
ERHÖHEN.
Diese Empfehlungen basieren auf Forschungsarbeiten
der 1920er und 1930er Jahren und wurden von Sir John
Boyd Orr und anderen, 1938 an die britische Bevölkerung
ausgegeben. In den Schulen wurde gratis Schulmilch (und
zwar Vollmilch) verteilt; später folgte eine Kampagne,
die den Nährwert von Eiern, vor allem beim Frühstück
hervorhob. In der Folge sank die Kindersterblichkeit
aufgrund von Diphtherie, Masern, Scharlach und
Keuchhusten dramatisch und zwar noch vor Einführung von
Antibiotika und Reihenimpfungen. Rachitis – die
„englische Krankheit“ – und andere
Mangelkrankheiten gehörten der Vergangenheit an. Auch
andere Faktoren trugen zu diesem Erfolg, das Wichtigste
war jedoch die bessere Ernährung, die den Kindern mehr
Widerstandskraft verlieh. Die oben genannten
Empfehlungen bildeten fast 50 Jahre lang die Grundlage
unserer Ernährung und verhalfen uns zu einer der
höchsten Lebenserwartungen der Welt. 1930 lag die
durchschnittliche Lebenserwartung bei 60 Jahren, 1960
war sie bereits auf 70 Jahre gestiegen und 1990 bei 75
Jahren angelangt. Nun hören wir plötzlich, dass diese
Empfehlungen unser Leben verkürzen und den Tod durch
Herzkrankheit fördern. Woher kommt diese plötzliche
Änderung? Um das festzustellen, müssen wir die
Entwicklung der koronaren Herzkrankheit und die
Strategien zu deren Bekämpfung genauer betrachten.
Die koronare Herzkrankheit
Es gibt eine ganze Reihe von Herzkrankheiten. Die
Empfehlungen zur “gesunden Ernährung”
zielen auf die Verhütung der koronaren Herzkrankheit
(KHK), oder, genauer ausgedrückt, der ischämischen
Herzkrankheit (IHK). Bei dieser Krankheit sind die
Koronararterien, die der Blutversorgung des Herzmuskels
dienen, durch Ablagerungen an den Gefäßwänden verengt
bzw. verstopft. Die Blutzufuhr zum Herzen wird
unterbrochen, es kommt zum Herzinfarkt. Die Verengung
fördert auch die Blutgerinnung, so dass ein
Blutgerinnsel einen Herzinfarkt provozieren kann, lange
bevor das Atherom dazu groß genug wäre. Das Material,
das normalerweise für diese Ablagerungen verantwortlich
gemacht wird, ist Cholesterin und die Ratschläge zur
„gesunden Ernährung“ und Verhütung der
KHK zielen einzig und allein darauf ab, den
Blutcholesterinspiegel zu senken.
Cholesterin
Angesichts der Propaganda ist es nur allzu
verständlich, wenn Sie glauben, dass Cholesterin eine
schädliche, körperfremde Substanz ist, die es unter
allen Umständen zu meiden gilt. In Wirklichkeit ist
daran kein Quäntchen Wahrheit. Cholesterin ist ein
essentieller Bestandteil des Körpers und kommt in jeder
Körperzelle, besonders in den Gehirn- und Nervenzellen
vor. Die Zellen des Körpers sterben und erneuern sich
kontinuierlich. Cholesterin ist ein wichtiger Baustein
für die Zellwände und dient außerdem zur Herstellung
einer ganzen Reihe wichtiger Substanzen: Hormone
(einschließlich der Geschlechtshormone), Gallensäuren
und – in Zusammenarbeit mit über die Haut
aufgenommenem Sonnenlicht – Vitamin D3. Der
Körper verbraucht jeden Tag große Mengen Cholesterin,
ja die Substanz ist so wichtig, dass alle Körperzellen,
mit Ausnahme der Gehirnzellen, Cholesterin herstellen
können.
Cholesterin kann zwar über tierische Produkte
aufgenommen werden, aber der Bedarf des Körpers an
Cholesterin wird nur zu 20% über diesen Weg gedeckt.
Der Körper selbst stellt den Rest her. Verzehren Sie
weniger Cholesterin, kompensiert der Körper das durch
erhöhte Cholesterinproduktion. Obwohl Medien und
Nahrungsmittelindustrie immer noch vor Cholesterin in
der Nahrung warnen wurde bereits mehrfach gezeigt, dass
der Blutcholesterinspiegel durch das mit der Nahrung
aufgenommene Cholesterin nur geringfügig beeinflusst
wird.
Cholesterin und KHK
Aus immer noch ungeklärten Gründen nahm die koronare
Herzkrankheit und den zwanziger Jahren des letzten
Jahrhunderts plötzlich in sämtlichen Industrieländern
zu. In den vierziger Jahren war sie die häufigste
Ursache für frühzeitige Todesfälle. Niemand hatte dafür
eine Erklärung.
1950 stellte der amerikanische Arzt John Gofman die
Hypothese auf, dass der Blutcholesterinspiegel schuld
sei. 1951 fand diese These weitere Unterstützung durch
Pathologen, die nach Korea geschickt wurden, um durch
Sezieren toter Soldaten neue Erkenntnisse über
Kriegsverletzungen zu gewinnen. Zu ihrer Überraschung
fanden sie unerwarteterweise Fälle von koronarer
Herzkrankheit – unerwartet deshalb, weil bekannt
war, dass Tod infolge Herzkrankheit bei Menschen vor
dem mittleren Lebensalter extrem selten war, die
Soldaten jedoch im Durchschnitt nicht mehr als 22 Jahre
zählten. Die Pathologen führten daraufhin bei den
nächsten 300 Leichen genaue Dissektionen des Herzens
durch und fanden bei 35% Ablagerungen von fibrösem,
fettigem Material an den Gefäßwänden. Bei weiteren 41%
fanden sich voll ausgebildete Läsionen und bei 3% der
Soldaten waren diese bereits groß genug, um zumindest
ein Herzkranzgefäß zu blockieren. Über drei Viertel der
untersuchten Männer litten also an schwerer koronarer
Herzkrankheit obwohl sie kaum dem Teenageralter
entwachsen waren.
Damit standen die Ärzte vor einem Problem. Da die
teilweise Blockierung der Herzkranzgefäße symptomfrei
verläuft konnte man ohne chirurgischen Eingriff nicht
feststellen, ob ein Mensch bereits gefährdet war. Man
musste also versuchen festzustellen, worin sich
erkrankte Menschen von gesund gebliebenen
unterschieden.
Um es kurz zu machen: man fand in den Ablagerungen
der Arterienwände Cholesterin; Menschen, die an
Herzkrankheit starben hatten oft hohe
Blutcholesterinspiegel und bei Menschen mit der
seltenen Erbkrankheit der Hypercholesterinämie
(erblicher hoher Cholesterinspiegel) trat die koronare
Herzkrankheit häufiger auf. Ein Zusammenhang zwischen
Cholesterin und Herzkrankheit schien nahe liegend.
Die Cholesterintheorie übersieht allerdings eine
Reihe signifikanter Aspekte. So besteht zum Beispiel
ein deutlicher Unterschied zwischen den Ablagerungen
von Menschen mit familiärer Hypercholesterinämie und
Menschen mit koronarer Herzkrankheit:
Hypercholesterinämie verursacht große Ablagerungen an
der Arterienmündung wobei die Arterien selbst frei
waren, was nicht den bei koronarer Herzkrankheit
bestehenden Verstopfungen entspricht. Menschen mit
Myxödem oder Nephrose haben ebenfalls hohe
Blutcholesterinspiegel, obwohl bei dieser Gruppe kein
erhöhtes Auftreten von KHK festgestellt wurde. Auch bei
Menschen über 60 Jahre ist ein erhöhter
Blutcholesterinspiegel kein Anzeichen für KHK. Ebenso
ist seit langem bekannt, dass einfache Maßnahmen wie
z.B. das Anlegen einer Armmanschette vor der
Blutentnahme oder die Angst vor einer Spritze den
Cholesterinwert steigen lassen kann. Und selbst wenn
solche Ereignisse nicht eintreten können größere
Fluktuationen, mit Variationen von 23% zwischen Höchst-
und Tiefstwert, auftreten. Außerdem ist Cholesterin nur
ein Bestandteil der atheromatösen Plaques und das ist
angesichts der Tatsache, dass Cholesterin für den
Körper eine notwendige und überall benötigte Substanz
darstellt, nicht weiter verwunderlich. Dennoch wurde
die Senkung des Blutcholesterinspiegels zum alleinigen
Ziel im Kampf gegen die KHK. Zu diesem Zweck werden
hauptsächlich zwei Methoden eingesetzt: Diät und
Medikamente.
Literatur:
J W Gofman, et al. The role of lipids and
lipoproteins in atherosclerosis .
Science. 1950; 111: 166.
J P Strong, H C McGill jr. The natural history of
coronary atherosclerosis. Am J
Pathol. 1962; 40: 37.
W F Enos, R H Holmes, J Beyer. Coronary disease
among United States soldiers killed in action in Korea.
Preliminary report. JAMA
1953; 152: 1090.
Teil 1: Einleitung
Teil 2: Nahrungsfette und Herzkrankheit
Teil 3: Ballaststoffe marsch!
Teil 4: Gefahr durch niedrigen Blutcholesterinspiegel
Teil 5: Cholesterinsenker
Teil 6: Vorteile?
Teil 7: Und was ist nun mit der Herzkrankheit?
Teil 8: Eine Frage der Ethik
Teil 9: Die Gefahren einer gesunden Ernährung
Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Kritzer,
Germersheim
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